Alltagslügen
„Wie geht es dir?“ So beginnt meist eine Konversation. Und die Antwort, die meist darauf folgt ist: „Ganz gut, alles Bestens, danke!“ Das ist die Demonstration dessen, was eine der angewandten Unwahrheiten überhaupt ist. Kaum jemand erwartet nämlich auf die oben genannte Frage eine medizinisch präzise Zustandsbeschreibung. Und die allermeisten Menschen wissen das. Selbstverständlich gibt es die ehrlichen, mit Nachdruck gestellten Fragen nach dem Befinden und darauf kann eine ehrliche und längere Antwort folgen. Alltagslügen sind kein moralischer Betriebsunfall des Menschen, sondern ein stabiles Element sozialer Interaktion. Sie treten nicht als große Täuschungen auf, sondern als Mikroabweichungen zwischen Wirklichkeit und Darstellung. Gerade deshalb sind sie so verbreitet.
Diese Funktionen erfüllen Alltagslügen
Alltagslügen dienen beispielsweise zur Konfliktvermeidung. Menschen sind hochgradig kooperationsabhängige Wesen. Eine immer offene und ungefilterte Ehrlichkeit würden die sozialen Beziehungen erheblich belasten. Fragt jemand einen Arbeitskollegen oder eine Arbeitskollegin, ob man kurz stören dürfe und ist die Antwort im Normalfall, dass es schon okay sei, eher keine Tatsachenbehauptung, sondern eine Beziehungsaussage. Die soziale Rolle, die ich als Kollege und Kollegin innehabe, gestattet es mir eher nicht abzulehnen. Somit dient diese kleine Alltaglüge der Stabilisierung dieser sozialen Beziehung in eben diesem speziellen Setting.
Eine zweite Funktion ist die der Höflichkeit. Komplimente gehören systematisch in diesen Bereich. Wertschätzung und Anerkennung erfährt man vom Gegenüber auch, indem man hin und wieder ein kleines Kompliment macht. Dazu muss der- oder diejenige nicht unbedingt wirklich meinen, dass die Bluse so perfekt zum Teint passe. Im Fachjargon spricht man dann von der sozialen Gesichtswahrung. Kommunikation schützt den sozialen Status aller Beteiligten. Eine radikale Ehrlichkeit gegenüber eines Kollegen oder einer Kollegin wäre vielleicht korrekt, hätte jedoch mitunter unangenehme Folgen.
Selbstschutzlügen
Darüber hinaus gibt es Selbstschutzlügen. Menschen geben ungern Wissenslücken, Unsicherheit oder Überforderung zu. Aussagen, dass man etwas schon gelesen hätte, obwohl dem nicht so ist, kann schlicht bedeuten, dass man gerade nicht dazukommt, dennoch Kompetenz signalisieren möchte. In Arbeitskontexten treten solche Aussagen besonders häufig auf, weil soziale Bewertung und Leistungsdruck zusammenwirken. Die Lüge ersetzt für den Moment die unangenehme Wahrheit, erzeugt womöglich langfristig organisatorische Reibungen. die in Missverständnissen, Doppelarbeit oder Terminproblemen enden.
So erleben Kinder Alltagslügen
Für Kinder sind die Eltern und die engsten Bezugspersonen, jene, die alles richtig machen. Kinder streben danach, den Erwachsenen und eng vertrauten Personen letztlich alles recht zu machen. Wenn dies jedoch nicht gelingt, denken sie häufig, dass sie selbst schuld wären. Wenn Kinder etwas spüren und wahrnehmen, die Vertrauensperson jedoch etwas anderes behauptet, dann entsteht ein innerer Konflikt beim Kind. Sie können es sich nicht erklären, was da vor sich geht. Und das führt letztlich zu einer inneren Verwirrtheit. Kommt es häufig vor, traut es mit der Zeit seinen eigenen Gefühlen nicht mehr und kann damit manches schlecht bis gar nicht mehr gut einschätzen. Daher ist es gerade mit Kindern wichtig, sich der Alltagslügen bewusst zu sein und diese den Kindern zu erklären.
Alltagslügen durch Kommunikation
Kommunikation ist kein reiner Informationsaustausch, sondern ein komplexes Aushandlungssystem von Nähe, Status und Kooperation. Alltagslügen sind Teil dieses Prozesses. Sie ermöglichen Rücksicht, taktvolles Verhalten und soziale Elastizität. Gleichzeitig verlangen sie ein gutes Maß. Zuwenig Ehrlichkeit kann Beziehungen oberflächlich erscheinen lassen, zu viel Ehrlichkeit macht sie vielleicht brüchig. Die eigentliche Kompetenz liegt daher nicht im vollständigen Vermeiden von Unwahrheiten, sondern in ihrer verantwortungsvollen Dosierung. Und es sollte bewusst geschehen. Erst wenn ich weiß, welche Konsequenzen das ein oder andere hat, kann ich mit dem Phänomen der Alltagslügen adäquat umgehen.
